Wider das Erinnern
Zum gestrigen Auftakt der 6. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst habe ich einige Ausstellungen/Eröffnungen am Galerien-Hotspot rund um den Checkpoint Charlie besucht. Unter anderem war ich im Galerienhaus Lindenstraße, in dessen Eingang der russisch-jüdische Künstler Fjodor Pawlow-Andrejewitsch für die Galerie Volker Diehl mit seiner Performance »Flick Me On My Memory« das Publikum erfreute.
Pawlow-Andrejewitsch stand zur Freude zahlreicher Damen vollkommen nackt auf einer Leiter, schwieg und ließ sich von jedem, der wollte, ein wenig von seinem Erinnerungsvermögen wegschnippen. Er fand, so stand auf einem Plakat an der Wand zu lesen, dass seine russisch-jüdischen Vorfahren ihn geradezu mit Erinnerungen – vor allem an unliebsame historische Ereignisse wie Krieg, Konzentrationslager, Holocaust, Hungersnöte – überfrachtet hätten.
Oben abgebildetes Zertifikat beweist, dass ich ihm beim Vergessen behilflich war und dass er sich keinesfalls daran erinnern werde. Dazu bin ich auf eine zweite Leiter gestiegen, habe meinen Zeigefinger am Daumen angelegt und ihn dann gegen Pawlow-Andrejewitschs Nase geschnippt. – Eine Anleitung zu diesem Vorgehen stand auf einem weiteren Plakat, ebenso wie der Hintergrund dazu auf einem dritten Plakat zu lesen war:
Und zwar geht man im jüdischen Glauben davon aus, dass Babys sich an absolut alles erinnern können, was jemals geschehen ist. Da diese Aussicht das noch junge Leben eines Neugeborenen schwer belastet, hat Gott sich einen Trick ausgedacht: die Babys kriegen unmittelbar bei der Geburt einen Nasenstubser von Gott und vergessen daraufhin alles, was sie bis dahin im Mutterleib erlernt haben.
Die Performance dauerte von 18:00 bis 21:00 Uhr. Acht der zwölf Galerien zeigten überwiegend neue Ausstellungen. Das heißt, als ich da war – etwa halb neun – waren schätzungsweise vierhundert Personen im Galerienhaus unterwegs. Ich möchte nicht wirklich wissen, wie viele Nasenstubser der Künstler im Laufe des Abends bekommen hat…